# 48: Ist das Kunst oder kann das weg? Oder: Warum Leon Löwentraut ein Künstler ist (2)

ENGLISH TEXT BELOW: IS THIS ART OR RUBBISH? OR: WHY LEON LÖWENTRAUT IS AN ARTIST (2)

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Der Begriff „Kunst“

Wikipedia meint u.a. Folgendes: „Kunst ist ein menschliches Kulturprodukt, das Ergebnis eines kreativen Prozesses. Das Kunstwerk steht meist am Ende dieses Prozesses, kann aber seit der Moderne auch der Prozess selbst sein. Ausübende der Kunst im engeren Sinne werden Künstler genannt.“ (https://de.wikipedia.org/wiki/Kunst, 30.05.2017) In diesem Sinne machen Kinder bereits Kunst, wenn sie zu Stift und Papier greifen. In der Schule werden sie darüberhinaus angeleitet, nach bestimmten Vorgaben Kunstwerke anzufertigen oder ein Kunstprojekt durchzuführen. Später mag man diese Tätigkeit als Hobby fortsetzen. Erst wenn man aber mit der Kunst Geld verdient bzw. (auch laut Finanzamt) die Absicht hat, Geld damit zu verdienen, ist man ein_e „richtige_r“ KÜNSTLER_IN.

Einige weitere allgemeine Auffassungen von Kunst und ein paar (Achtung: vereinfachte!) Gegendarstellungen:

Kunst kommt von Können — Gegenbeispiel: Yves Klein, International Klein Blue

Wer ins Museum Ludwig in Köln geht, kann eine große Leinwand bewundern, die ausschließlich in Ultramarin Blau bemalt wurde. Wer den Hintergrund nicht kennt, kann damit nichts anfangen. Es handelt sich bei der aufgetragenen Farbe um eine besondere Mischung, die der Künstler sich 1960 hat patentieren lassen. Diese Farbe spielte in Kleins weiterem Werk eine prägnante Rolle. Manch einer sucht vergeblich nach einem tieferen Sinn bei der Betrachtung vieler seiner Werke in Blau. Und ohne den ihm leidenschaftlich wohlwollend gesonnenen Kunstkritiker Restany wäre Klein womöglich nicht als KÜNSTLER (sondern womöglich nur als Handwerker) anerkannt worden. Er wurde es letztendlich aber!

Kunst ist das, was von den Akademien als solche eingestuft wird — Gegenbeispiel: Joseph Beuys

Schon immer hat es Künstler_innen gegeben, die sich mit den vorherrschenden Stilrichtungen nicht identifizieren konnten und die intuitiv oder provokativ einen neuen Pfad einschlugen. Schon immer lösten Epochen und Stile einander ab und „die Neuen“ wurden i.d.R. belächelt oder sogar ausgegrenzt. Joseph Beuys ging noch einen Schritt weiter: Er wollte nicht nur eine neue Kunst an sich schaffen, sondern er stellte die ganze akademische Auffassung von Kunst in Frage und schuf einen erweiterten Kunstbegriff. „Jeder Mensch ist ein Künstler“,  war sein provokantes Credo. Dieses lehrte er nicht nur, er praktizierte es auch. Er arbeitete in höchstem Maße inklusiv und integrativ. KÜNSTLER_IN kann sich nach dieser Auffassung jeder nennen.

Nur teure Kunst ist gute Kunst — Gegenbeispiel: Vincent van Gogh

Ja, ein Van Gogh kostet viel. Aber erst seit ca. den 1980er Jahren. Der KÜNSTLER ist hingegen schon 1890 verstorben und hat zu Lebzeiten kaum etwas verkaufen können. Er führte ein ärmliches Leben und wurde von seinem Bruder unterstützt.

Meine Meinung

Es wird deutlich, dass es gar nicht so einfach ist, sich auf einen gemeinsamen Nenner zu einigen. Trotzdem muss auch ich als Künstlerin mich fragen, wo ich meine Werke sowohl qualitativ als auch stilistisch einordnen kann und brauche dafür ein paar Maßstäbe. Als Kuratorin muss ich mich fragen, ob meine Veranstaltung – die ich zusammen mit meinem Kollegen Udo Funk organisiere – ein „gewisses Niveau“ haben soll und wie ich das dann definiere. Ich biete euch folgende Sichtweise an – wobei die Kriterien im Einzelfall sicherlich mal mehr mal weniger ausgeprägt sein können:

KUNST…

  • ist Leidenschaft: Wenn ich den Großteil meines Lebens (oder bei eingeschränkten Möglichkeiten) den Großteil meiner Freizeit dem künstlerischen Schaffen widme, weil ich nicht anders kann, dann mache ich Kunst.
  • ist Arbeit & Handwerk & Entwicklung: Ich kann mir nicht heute eine Leinwand und ein paar Farben kaufen und morgen schon mein Bild für 500 EUR anbieten. Jede_r Künstler_in wächst mit den Jahren, formt sich, entwickelt sich, erweitert ihr oder sein inhaltliches & technisches Repertoire. Die gesamte vergangene künstlerische Entwicklung fließt in jedes neue Werk ein (und sollte mit den Jahren auch in die preisliche Gestaltung einfließen).
  • ist Kreativität: Wer einen besonderen künstlerischen Ausdruck findet, ein Alleinstellungsmerkmal und/oder einen deutlichen Wiedererkennungswert hat, der/dem gebührt der nötige Respekt.
  • hat eine Botschaft: Nicht jede_r hat oder findet Worte, um diese Botschaft auszudrücken. Doch jede Kunst ist unabdingbar mit der Künstlerin oder dem Künstler verknüpft, kommt von innen und will nach außen.
  • ist nicht „billig“: Wer über Jahre hinweg viel Zeit & Geld in die eigene Ausbildung oder die persönliche Fortbildung investiert, der hat auch die Berechtigung, die Preise entsprechend anzupassen.
  • ist Professionalität: In der heutigen Zeit spielt es eine immer größere Rolle, sich mit einem Gesamtkonzept zu präsentieren. Auch wenn ich dieses Merkmal nicht für unabdinglich halte, so ist es doch sinnvoll und hilfreich bei der Karriere.
  • weckt Begeisterung: Wenn ein Kunstwerk gefällt, dann ist das so! Wenn jemand bereit ist, dafür einen vorgegebenen Preis zu zahlen, es zu Hause an die Wand zu hängen oder als Galerie darin zu investieren, dann ist das so!

Alles andere ist Geschmackssache. Und wenn ich mit etwas nichts anfangen kann, dann ist das auch so. Aber ich muss eine Kollegin/ einen Kollegen nicht in aller Öffentlichkeit diffamieren. (Wahrscheinlich gefällt ihr/ihm meine Kunst auch nicht.) Ich finde, dass man weg sollte von den „herkömmlichen“ Argumenten (siehe oben) und stattdessen der Subjektivität auch mehr Raum geben sollte. Was ist so schlimm daran, wenn jemand mit etwas Geld verdient, was mir nicht gefällt? (Achtung: Ich rede hier von Kunst und nicht von Einbruchsdiebstählen 😉 ) Es darf auch unterschiedliche Auffassungen von Kunst geben. Warum nicht? Es gibt auch unterschiedliche Auffassungen über ein gutes Buch oder einen guten Wein. In der Regel bereichert Diversität die Welt, anstatt sie zu bedrohen. Wichtig finde ich, dass man überhaupt Argumente für seine Ansicht hat und nicht einfach nur „herumpoltert“.

Was an dieser Stelle noch fehlt – und hier liegt meiner Meinung nach der eigentliche Knackpunkt – ist ein Wort zu einem überkandidelten Kunstmarkt. Aber ich persönlich finde, das ist ein anderes Thema, das aber oft mit der Frage nach guter Kunst verwechselt wird! Ich selbst möchte aber erst mal ein eigenes Versständnis von KUNST entwickelt haben, BEVOR ich mir anschaue, wie es der Kunstmarkt handhabt.

Fazit

Wenn Leon Löwentraut sein Leben lang nichts anderes machen wollte als Kunst und es auch tut, dann ist er ein KÜNSTLER. Wenn er danach strebt, sich weiterzuentwickeln, neue Techniken zu erlernen, dann ist er ein KÜNSTLER – auch wenn ihn die Düsseldorfer Akademie nicht wollte. Wenn seine Werke professionell vermarktet werden, wenn Galerien ihn weltweit vertreten, wenn seine hochpreisigen Werke Anklang finden und verkauft werden, dann macht er KUNST.

Und wenn er schon in jungen Jahren eine Aufmerksamkeit erfährt, die vielleicht etwas zu schnell kommt, die vielleicht etwas gewagt ist, dann erfüllt mich das nicht mit Skepsis oder Neid, sondern ich gönne es dem jungen Kollegen! Endlich hat es mal einer frühzeitig geschafft! Natürlich gibt es keine anhaltende Erfolgsgarantie. Aber im Moment läuft’s doch gut. Punkt. Und wer von uns träumt nicht davon, eines Tages „entdeckt“ zu werden. Am besten auch bevor ab 35 die Hälfte an Bewerbungsmöglichkeiten für Kunstpreise und Stipendien aufgrund von Altersbeschränkungen wieder wegfällt!

In diesem Sinne: „Alles hat seine Schönheit. Aber nicht alle sehen es.“ (Andy Warhol)

Was ist eure Auffassung von KUNST?

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IS THIS ART OR RUBBISH? OR: WHY LEON LÖWENTRAUT IS AN ARTIST (2)

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The Term „Art“

You can read the following in the German Wikipedia page, „Art is a human culture product, the result of a creative process. The finished artwork is usually the end of this process, but since the Modern Age, art can also be the process itself. Praticioners of art in the narrow sense of the word are called artists.“ (https://de.wikipedia.org/wiki/Kunst, 30.05.2017) Viewed in this way, children already practise art when they pick up drawing pen and paper. At school, they are instructed to create an artwork or art project according to certain guidelines. Later, you may continue this activity as a hobby. Only if you make money with your art or (if you ask the tax office) intend to make money, you are a „real“ ARTIST.

Some other common concepts of art and their (watch out: very simplified!) counterstatements:

Art Comes From Skill — Counterstatement: Yves Klein, International Klein Blue

When you visit Museum Ludwig in Cologne, you can admire a huge canvas that was painted exclusively in ultramarine blue. If you don’t know the background, you have no idea what this is all about. The paint is a specific mixture patented by the artist in 1960. This color plays a crucial role in Klein’s entire oevre. You may desperately look for a deeper sense while seeing his artworks. And without the support of  benevolently passionate art critic Restany, Klein might never have been accepted as an ARTIST (but only a craftsman). Eventually, though, he was!

Only Art Academies Know What Is ART — Counterstatment: Joseph Beuys

There have always been artists who could not identify with predominant art styles and who intuitively or provocatively pursued a new path. Art historical periods and styles have always changed and representatives of a new era have always been ridiculed or even marginalised. Joseph Beuys went even further. He did not only want to create a new style, but he completely questioned the academic concept of art and created a new understanding. „Everyone is an artist,“ was his provocative guiding principle. He both became a teacher of this concept and he practised it himself. Inclusion and integration were absolutely important to him.

Only Expensive Art Is Good Art — Counterstatement: Vincent van Gogh

Yes, a Van Gogh costs a lot! But only since the 1980s. The ARTIST, however, died already in 1890 and was not able to sell much during his lifetime. He was very poor and had to be supported by his brother.

My View

There’s no doubt about the difficulty to find a common ground. Being an artist myself, however, I do have to assess both the quality and the style of my own art. And in order to do that, I need certain reference points. Being a curator as well, I need to question and adjust the standards by which I select the participating artists for the event that I organize together with my colleague Udo Funk. I am offering you the following list of criteria – but keep in mind that specific situations always require specific solutions, of course 😉

ART…

  • is passion: If I dedicate the majority of my lifetime or (when time is limited) of my free time to the process of making art because I feel the strong urge to do so, then I make art.
  • is work & skills & development: I should not buy canvas and painting colors today and offer my painting at 500 EUR tomorrow. Every artist grows with the passage of years, extends their work content and technical skills. The total of one’s artistic development becomes part of each new artwork (and should also become part of pricing eventually).
  • is creativity: If you find a very specific way of artistic expression, create art with a unique selling potential, or that has a clear recognition factor, then you should be given the due respect.
  • has a message: Not every artist has or finds words to express their message. But every art is a product of the artists themselves, is comes from within and through art finds a way out.
  • is not „cheap“: If you have invested  a lot of time & money into your art education (whether at art school or in private tutoring) you have permission to adjust your sales prices accordingly.
  • is professionality: Nowadays, it is becoming more and mor important to present yourself with an overall concept. I don’t think this is imperative, but it does make sense and really helps with career advancement.
  • generates enthusiasm: If someone likes a certain piece of art, there’s no need to question it. If someone is prepared to spend money and put the artwork on the wall, or if a gallery is willing to invest in an artist, there’s no need to question that!

Everything else is a matter of taste. And if I don’t understand or have no interest in something, then neither is there need to question this. I just don’t get the point of  disqualifying my (in the art world making their living) collegues in public.  (And probably they don’t like what I do either anyway.) I think we should dismiss those conventional arguments (see above) and give more room to subjectivity. What’s the problem with someone making money with something I dislike? (Keep in mind: I am talking art here and not burglary 😉 .) I think different opinions on art are allowed. Why not? There are also different opinions on a good book or a good wine. Mostly, diversity enriches the world instead of being a danger. I think it is important to have arguments at all and not just make a lot of noise insulting others.

What is still missing in this article – and this is the real crux of the matter – is a word on the kooky art market. But I personally find, this is a different topic, which, however, is often confused with the question about good art. Personally, I think it’s important to find my own understanding of ART before comparing it to the art concept in the art market.

Conclusion

If Leon Löwentraut has not wanted to do anything else in life than make art, then he is an ARTIST. If he strives to develop further, study new techniques and gain new skills, then he is an ARTIST – even if the renowned German art school in Düsseldorf did not accept him. If his works are marketed professionally, if galleries represent him internationally, if his high-priced artworks are well received and sold, then he makes ART.

And I feel neither reluctance nor envy when already at a young age he attracts attention that might be a little to soon, maybe a little too daring – no, I say he is really lucky! Finally a young artist has made it! Of course, there’s no guarantee for lasting success, but right now things are good. Period. Don’t we all dream of being „discovered“ one day? Well, many of us are too old already. Many galleries, art contests, or scholarship programs do not encourage to apply beyond the age of 35!

On this note, „Everything has its beauty. But not everyone sees it.“ (Andy Warhol)

What is your understanding of ART?

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