132 | Was soll mir das Kunstwerk sagen? Oder: Die (andere) Kunst des richtigen Fragens

Ausstellungsbesuch aus strategischen Gründen

Neulich war es mal wieder so weit: Ich besuchte eine Vernissage zur Ausstellung eines mir bis dato unbekannten Künstlers mehr aus strategischen Gründen als aus der Absicht heraus, den Künstler kennen lernen zu wollen. Welche anderen Gründe dahinterstecken können, ist schnell erklärt: reines Netzwerken und/oder Ausloten eines für mich potentiell interessanten Ausstellungsortes. Darf ich aber die*den Künstler*in einfach links liegen lassen? Darf ich auf der Vernissage einfach nur meinen Netzwerkinteressen nachgehen? Meiner Meinung nach ist das eine Frage des respektvollen Umgangs unter Kolleg*innen und die Antwort auf diese Fragen lautet daher: Nein.

Der Besuch einer Ausstellung ist für uns Künstler*innen nicht selten kein reines Freizeitvergnügen, sondern Teil der Öffentlichkeitsarbeit. Wenn ich die Künstlerin*den Künstler zufällig kenne (und auch ihre*seine Kunst mag) oder sie*ihn schon immer mal kennen lernen wollte (zum Beispiel weil ich ihre*seine Kunst durchaus mag), ist das schön – und der günstigere Fall.

(Un-)Willkommene Gäste

Das ist aber eben nicht immer der Fall. Ich lande auch öfter auf Ausstellungen, bei denen mich die Kunst auf den ersten Blick nicht so fasziniert. Das wird der Kollegin*dem Kollegen aber natürlich in keinster Weise gerecht! Ich muss mich nur in in ihre*seine Perspektive hineinversetzen: Wenn ich einer eigenen Vernissage mit Freude, aber auch innerer Anspannung entgegensehe, dann sind mir Gäste, die zu meiner Ausstellung kommen und quasi „nur den Raum füllen“, aber weder mit mir noch über meine Kunst wirklich sprechen möchten, nicht wirklich willkommen. Lieber habe ich ein paar Gäste weniger dabei, als feststellen zu müssen, dass ich selbst auf meiner eigenen Vernissage gar nicht bei allen willkommen bin.

Respektvoller Umgang mit Kolleg*innen

Vielleicht bin ich diesbezüglich auch zu kritsch oder zu sensibel. Da bin ich aber sicherlich auch nicht die einzige. Ich habe mir deswegen eine Strategie überlegt, wie ich mich auf solchen Veranstaltungen respektvoll verhalten möchte, wenn andere Gründe als die dargebotene Kunst mich zum Hingehen bewegen.

Zu allererst gilt: Ich werde mich AUF JEDEN FALL mit der Künstlerin*dem Künstler unterhalten. Am liebsten tue ich dies und am besten klappt das auch dann, wenn ich sie*ihn in einem Moment erwische, in dem sie*er gerade nicht von einer großen Traube anderer Gäste umringt ist, sondern eher mit nur ganz wenigen anderen dort steht oder sogar ganz allein. Es lohnt sich, einen solchen Moment der Ruhe abzuwarten.

In diesem Gespräch stelle ich mich NICHT ALS ERSTES selbst als Künstlerin vor. Sondern in diesem Gespräch geht es vor allem zunächst um die Person, die auf dieser Veranstaltung im Mittelpunkt steht.

Dem Austausch eine Chance geben

Was aber mache ich nun, wenn ich mit der dargebotenen Kunst so gar nichts anfangen kann oder diese mich eigentlich nicht interessiert? Ich gebe dem Gespräch trotz allem EINE CHANCE. Das klappt aber nicht, wenn ich von vornherein Kritik äußere oder gleich zugebe, dass „mich das alles hier überhaupt nicht anspricht“ und „ich selbst auch völlig andere Kunst mache“. Wenn ich ein Gespräch mit Negativäußerungen beginne, wird die Künstlerin*der Künstler direkt in die Defensive gedrängt. Selbstbewussten Persönlichkeiten mag das nichts ausmachen, aber nicht jede*r kommt damit klar und kann auch gut kontern. Am Ende wirst du hier deine Vorurteile wahrscheinlich sogar bestätigt sehen.

Fragen stellen als Strategie

Der Geheimtipp überhaupt sind deshalb FRAGEN. Es ist grundsätzlich nichts Geheimes an Fragen dran, aber viele vergessen dennoch oft diese einfache Möglichkeit, den eigenen Horizont zu erweitern. Wenn ich anfange, Fragen zu der präsentierten Kunst zu stellen, gebe ich der Kollegin*dem Kollegen eine Chance, sich zu öffnen. Und ich gebe damit auch mir eine Chance, mich auf jemand und etwas Neues einzulassen. Ich habe es nie bereut, Fragen zu stellen! Denn ich habe in meisten Fällen daraufhin sehr spannende Gespräche erlebt, einen wunderbaren neuen Menschen kennen gelernt habe und über ihre*seine Kunst auch einen exklusiven Einblick in ihr*sein Innenleben erhalten. Am Ende bin ich wahrlich bereichert nach Hause gefahren und habe manchmal darüber sogar das weitere Netzwerken vergessen! Kennst du das?

Natürlich klappt das nicht immer. Denn sicherlich gibt es Menschen, mit denen ich so gar keine Schnittmenge finde. Und das ist auch OK! Aber nach meinen Erfahrungen sind diese Menschen in der Minderheit. Auch muss das Fragenstellen etwas geübt werden. Es soll beileibe kein reines Frage-Antwort-Spiel, eine Art Ping Pong, werden. Das Gespräch kann sich nur entwickeln, wenn du gut zuhörst und auf die Antworten mit weiteren Fragen eingehst. Und hin und wieder darfst und sollst du auch deine Meinung mitteilen oder deine Erfahrung zu einem Thema schildern – so lange du dich selbst und deine Kunst nicht „aus Versehen“ zu sehr in den Mittelpunkt rückst.

Die richtigen Fragen finden

Achte darauf, dass du zunächst Fragen stellst, die die Kollegin*den Kollegen nicht direkt in eine Bredrouille bringen können à la „Hast du schon was verkauft?“ oder „Bist du mit der Vernissge zufrieden?“ Halte dich zunächst an Fragen, die die meisten Künstler*innen wirklich gerne beantworten. Stelle sie so offen wie möglich, um einen großen Raum für Antworten zu lassen, und verwende keine Suggestivfragen, bei denen du deine erwartete Antwort schon vorab mitteilst. Sei selbst offen und neugierig und lass dich überraschen.

Diese Fragen eignen sich für einen Einstieg in das Gespräch mit der Künstlerin oder dem Künstler:

  • Such dir am Anfang das Kunstwerk aus, das dich – trotz allem! – noch am meisten anspricht: Das hier gefällt mir am besten. Wie ist es entstanden? Warum ist es entstanden?
  • Woher kommt deine Motivation für deine Kunst? Was bewegt dich am meisten?
  • Daran anschließend: Kannst du mir das an einem/diesem Kunstwerk noch einmal ganz genau erläutern?
  • Möchtest du mit deiner Kunst eine Botschaft vermitteln?
  • Was gefällt dir am meisten, wenn du mit dieser Technik arbeitest?
  • Dieses eine immer wiederkehrende Motiv scheint für dich besonders wichtig zu sein. Ich bin neugierig und würde mich freuen, wenn du mir den Hintergrund dazu erläutern würdest.
  • Welches ist dein persönliches Lieblingskunstwerk in diesem Raum. Warum ist das so?
  • Wann ist für dich persönlich ein Kunstwerk fertig?

Natürlich gibt es auch Künstler*innen, die derartige Fragen lieber nicht beantworten möchten. Manche möchten am liebsten gar nicht über ihre Kunst sprechen. Oder sie möchten nicht mit dir darüber sprechen. Dann ist das eben so! Du musst ihnen trotzdem deine (negative) Meinung nicht überstülpen. Wenn sie nicht mit dir sprechen möchten, dann tust du eben das, weswegen du eigentlich hergekommen bist: netzwerken oder den Ausstellungsraum begutachten.

Insider-Tipp: Diese Vorgehensweise eignet sich auch für Nicht-Künstler*innen, die meinen, „von Kunst keine Ahnung“ zu haben und sich kaum in die Nähe einer Künstlerin*eines Künstlers trauen! 😉

(Titelbild von Canva)

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