130 | Kunst in der Therapie: Ist das Kunst oder kann das weg?

Kunsttherapie: „Ich kann es nicht mehr hören…!“

Neulich war ich bei einem Arbeitstreffen zur Vorbereitung einer gemeinsamen Ausstellung. Man begrüßte mich freundlich und fragte mich, ob ich wieder gesund sei. „Ja“, konnte ich erfreut berichten und erzählte dann noch ein wenig mehr über mein letztes Katastrophenjahr, in dem ich ein halbes Jahr lang wegen unglaublicher Schmerzen nicht nur nicht malen, sondern auch sonst kaum etwas machen konnte. Und ich erzählte auch darüber, wie sehr die Kunst meinem Leben einen sicheren Halt bietet; wie sehr ich in dieser langen Zeit der Krankheit, in der ich mit mir und meinem Körper kämpfte, meine Bilder eine maßgebliche Rolle auf dem Weg zur Gesundung spielten (vgl. u.a. >>HIER). Alle Anwesenden freuten sich mit mir. Aber dann irritierte mich etwas…

Einer in der Runde erzählte von dem Besuch einer Gruppenausstellung, auf der er mit einem der teilnehmenden Künstler ins Gespräch kam, und sagte dann: „Ich kann es nicht mehr hören! Ständig lerne ich neue Künstler kennen, die mir erzählen, wie sie durch eine Kunsttherapie zur Kunst gefunden haben.“

Was steckt hinter dieser Aussage?

Ist es die Überdrüssigkeit an persönlichen Schicksalsgeschichten? Ist es eine Abneigung dagegen, dass fremde Menschen direkt persönlich werden? Ist es der Anspruch, dass Kunst eben Kunst sein muss und nicht „nur“ ein Therapieergebnis? Ist Therapiekunst überhaupt Kunst?

Ich möchte hier gerne etwas Klarheit in die Diskussion einbringen und auch mit Vorurteilen aufräumen.

– Ist es die Überdrüssigkeit an persönlichen Schicksalsgeschichten?

Meistens sind Geschichten dann besonders interessant, wenn sie entweder einzigartig und somit besonders sind. Wenn man*frau etwas erfährt, womit man im eigenen Leben eher wenig in Berührung kommt. Wenn man das Gefühl hat, dass sie weit weg von einer*einem selbst stattfinden und man dann eine gewisse Art von kindlicher Bewunderung für die Protagonistin*den Protagonisten entwickelt. Wenn dann noch ganz besondere Kunst dabei im Spiel ist, ist der WOW-Effekt umso größer. Das beste Beispiel ist hier vielleicht Vincent van Gogh. Wir lieben seine Kunst, wir lieben seine Geschichte.

Oder Geschichten sind dann besonders interessant, wenn sie im Gegenteil ganz nah an dir dran sind. Wenn du dich oder etwas von dir darin wiedererkennst. Wenn du vielleicht sogar davon etwas lernen kannst, wenn sie dir im besten Fall Mut machen.

Im Umkehrschluss bedeutet das, eine Geschichte ist dann uninteressant, wenn sie nicht einzigartig, sondern beliebig ist. Oder wenn ich statt eines Vorbildcharakters eher ein abschreckendes Beispiel darin sehe.

– Ist es eine Abneigung dagegen, dass fremde Menschen direkt persönlich werden?

Ja. Diese Frage kann man recht schnell so beantworten. Denn nicht immer möchte man sich mit persönlichen Schicksalen beschäftigen, wenn man eigentlich „nur“ eine Ausstellung besuchen wollte. Oder vielleicht ist es auch die*der Künstler*in selbst, die*den man auf den ersten Blick einfach nicht sympathisch genug findet, um gleich persönlich zu werden. Vielleicht war die Intention des Ausstellungsbesuches auch, sich von den eigenen Problemen mal abzulenken und nicht dort auf ähnliche Lebensfragen zu stoßen, die man gerade selbst bewältigen muss. Wie auch immer, es ist vielleicht einfach die falsche Geschichte zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort.

– Ist es der Anspruch, dass Kunst eben Kunst sein muss und nicht „nur“ ein Therapieergebnis? Ist Therapiekunst überhaupt Kunst?

Diese Fragen sind am schwierigsten zu beantworten, da sie am wenigsten trivial sind. Was ist Kunst? Daran scheiden sich die Geister. Während die einen mit „Talent“ und „ordentlicher Ausbildung“ argumentieren, sprechen die anderen von „Kunst für alle“ und „Kunst als Lebenshilfe“. Ich denke, dieses sind zwei sehr verschiedene Herangehensweisen. Und ich denke, dass in den meisten Fällen beides mehr oder weniger zusammenfließt und man das nicht immer – vielleicht sogar nie? – voneinander trennen kann.

Kunst als Medizin

Viele Künstler*innen beschreiben die heilsame Wirkung von Kunst bzw. dem Schaffen von Kunst. Denn Kunst ist im Gegensatz zum Handwerk nicht in erster Linie eine rein mechanische Handlung, die auf ein bestimmtes und reproduzierbares Ergebnis ausgerichtet ist. Die Kreativität und der Schaffensprozess haben sehr viel mit dem einzigartigen Wesen der Künstlerin*des Künstlers zu tun. Dieses innere Wesen kann gesund oder auch krank (im pathologischen Sinne!) sein. Kunst kann daher grundsätzlich auch von einer*einem (vielleicht an Depressionen) Erkrankten geschaffen werden. Und wer erkrankt ist, kommt evtl. auch mal in den Genuss einer Kunsttherapie. Ob diese Therapie dann als Initialzündung für eine anschließende künstlerische Karriere gilt, sollte bei der darauf folgenden Beurteilung der Kunstwerke keine Rolle spielen, wie ich meine.

Ein Lob auf die zeitgenössische Psychotherapie

Viel wichtiger finde ich es, einmal POSITIV hervorzuheben, wie ganz hervorragend effektiv heutzutage Therapeut*innen arbeiten! Wer als gestärkter Mensch aus der Therapie herauskommt und dabei etwas (in diesem Fall zur Kunst) gefunden hat, was das weitere Leben nachhaltig positiv beeinflusst, hat viel gewonnen! Wie schön, dass es so viele sind und wenn so viele darüber sprechen, dass es von einigen schon als „nervig“ empfunden wird!

Ob nun am Ende „Kunst“ entsteht oder nur eine „Beschäftigungstherapie“, diese Frage erübrigt sich meiner Meinung nach, da sie nicht von der Kunsttherapie abhängt. Kunst und Kunsttherapie sind zwei verschiedene Konzepte, die sich gegenseitig ergänzen können, aber auch nicht müssen. Das hängt vom Einzelfall ab. Ich verweise also wieder zurück auf die ursprüngliche Frage, die sich die Menschheit seit Jahrhunderten stellt und worüber sie es liebt zu streiten: Ist das Kunst oder kann das weg? *zwinkerzwinker*

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(Titelbild von Canva)

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