127 | Work in Progress / Bild in Arbeit

So! Hier ist es!

Mein derzeitiges Bild in Arbeit. Du meinst, man sieht aber leider nicht viel? Richtig! Das ist Absicht!

WIP-Fotos in sozialen Netzwerken

Die Künstler*innen-Profile auf Instagram und Facebook sind voll von so genannten WIP-Fotos. Meist sieht man ein bereits weit fortgeschrittenes Bild. In einigen Fällen frage ich mich sogar, ob das Bild nicht in Wirklichkeit doch schon fertig ist und die Künstlerin*der Künstler vielleicht einfach noch nicht so damit zufrieden. In diesem Fall könnte es ein guter Gradmesser sein, einfach mal das angeblich noch nicht vollendete Werk in der Netzgemeinde zu testen. Meist heißt es dann in den Kommentaren: „Klasse!“ „Super!“ „Was bitteschön ist daran noch nicht fertig?“ Aber hin und wieder gibt’s vielleicht doch noch einen kleinen Hinweis: „Sieht super aus! Aber ja, ich kann sehen, dass die Nase noch nicht fertig ist.“ Andere Künstler*innen zeigen stattdessen eher gerade begonnene Arbeiten. Da kann man noch nicht viel sehen, geschweige denn, das Risiko eingehen, Kritik zu ernten.

Diese „Zwischendurch-Fotos“ erfüllen außerdem den Zweck, dass gerade die Künstler*innen, die besonders lange an einem Werk arbeiten, doch ihr Profil immer gut füllen können. Denn das ist ja wichtig heutzutage: Man muss immer am Ball bleiben und darf bloß nicht in Vergessenheit geraten!

Ich mache es normalerweise anders

Ich poste in der Regel keine WIP-Fotos. Aber warum nicht? So ganz genau kann ich mir die Frage auch nicht beantworten. Es hat aber damit zu tun, dass ich mir nicht gerne über die Schulter schauen lasse, wobei es da weniger um das Bild an sich geht. Malen ist für mich ein intimer und auch emotionaler Prozess. Vom Beginn eines Werkes bis zur Vollendung erlebe ich verschiedene Stadien nicht nur auf technischer Ebene. Es beginnt meist mit absolutem Enthusiasmus angesichts des neuen Projektes. Aber der ganze Malprozess ist nicht immer nur ein Bad in der Freude. Ich kämpfe mit „schlechten Tagen“, mit gedanklicher Ablenkung aufgrund anderer Probleme, mit Zeitdruck wegen anstehender Termine und natürlich auch immer wieder mit Frust, weil es gerade einfach nicht so hinhaut, wie ich mir das vorgestellt hatte.

Der so genannte „Fluss“, in dem ich mich an guten Tagen befinde, und die Wende hin zum (meist!) schlussendlichen Gelingen, verschafft natürlich immer wieder Genugtuung. Dennoch möchte ich mich weder in der einen noch in der anderen Stimmung gerne outen.

Läuft es schlecht, mag ich gerade keine weitere Kritik ertragen. Läuft es gut, will ich das nicht unterbrechen. In beiden Fällen also gibt es keine WIP-Fotos. Halt, das stimmt nicht ganz! Die Fotos gibt es schon, ich veröffentliche sie aber in der Regel nicht. Jedenfalls nicht vor Vollendung des Werkes. Und auch nicht immer danach.

Eine Marotte?

Ist das quasi eine Marotte von mir? Oder gibt es weitere Künstler*innen unter euch, die aus ähnlichen oder anderen Gründen keine WIP-Fotos posten mögen? Ich bin gespannt!

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2 Kommentare

  1. Hallo liebe Seona.

    Schöner Artikel. Es brachte mich zum Nachdenken.
    Da ich nicht nur Malerin bin, sondern auch Malen unterrichte und in Vorführungen live male, bin ich es gewohnt, dass man mir beim Malen zuschaut. Es ist für mich also kein Problem, während des Unterrichts meine Demo-Bilder im Entstehungsprozess zu zeigen weil ich dort bin, genau um zu erklären, wie man dieses spezifische Thema / Objekt malt.

    Ich identifiziere irgendwie das Posten von Fotos einer W.I.P. mit dem Ziel, anderen Menschen zu erklären, was man tut und warum, um ihnen beizubringen, wie es geht. Deshalb verstehe ich nicht, wieso man diesen Prozess anderen zeigen will, wenn es keinen Lehrzweck gibt.

    In meinem Atelier, wenn ich nicht unterrichte, mache ich normalerweise Fotos erst am Ende der Malsitzung. Ich höre nicht auf zu malen, um ein Foto zu machen. Es kann also vorkommen, dass ich keine oder nur sehr wenige Fotos von der W.I.P. Prozess habe. Es sind visuelle Hilfsmittel, mit denen ich mich an eine bestimmte Sache erinnere, die ich getan habe, oder wie ich dorthin gekommen bin. Es hilft insbesondere bei Gemäldeserien, dass sie ähnlich aussehen sollen. Aber sie sind nur für mich.
    Wenn ich meine eigenen Bilder male, bin ich nicht mehr die Lehrerin, sondern die Malerin.
    Also poste ich keine W.I.P. meiner eigenen Bilder in den sozialen Medien.

    Liebe Grüße,
    Elena

    1. Liebe Elena, ja, da sind wir uns gar nicht so unähnlich. In diesem Artikel habe ich tatsächlich nur die Situation beschrieben, dass ich WIP-Fotos nicht posten mag, wenn ich vorrangig als Künstlerin agiere. Ich habe ja auch angefangen, Workshops zu geben, und male da als Lehrende auch vor Publikum, aber das ist tatsächlich etwas ganz anderes. Diese Bilder, die auf meiner eigenen Leinwand am Ende dabei herauskommen, betrachte ich eher als Studien. Manchmal arbeite ich zu Demonstrationszwecken sogar absichtlich „Fehler“ ein. Darüberhinaus mache ich durchaus auch Fotos vom Malprozess für meine persönlichen Zwecke, zur Dokumentation oder um anderen im Anschluss etwas zu zeigen oder zu erklären. Aber dieses „Guckt mal alle her, woran ich gerade arbeite!“ ist einfach nicht meins. Danke, dass du in deinem Kommentar auf die Unterschiede der verschiedenen Situationen und Zwecke hingewiesen hast!

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