122 | Auf dem Weg

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Ein Gastbeitrag von Nina Zdanovic

Es ist aufregend, einer großen Leidenschaft nachzugehen. Nachdem du bereits viele verschiedene Dinge im Leben ausprobiert hast, viele Kompromisse eingegangen bist und dann schließlich erkennst, was du jetzt mit deinem Leben wirklich machen willst. Für mich war eine solche Leidenschaft das Malen.

So fing es an

© Nina Zdanovic – Acryl

Solange ich denken kann, habe ich gezeichnet und gekritzelt. Ich habe Leute skizziert, Disney Filmszenen kopiert, eigene Comicstrips entworfen, Bücher aus Spaß illustriert. Als Kind dachte ich, dass ich vielleicht eine Animatorin für Disney Filme oder sowas werden könnte, aber ich habe bis letztes Jahr nie darüber nachgedacht, eine Künstlerin zu werden.

Verschiedene Ereignisse führten schließlich dazu, dass ich dann doch dachte, ich könnte es einfach mal ausprobieren. Meine Freund*innen ermutigten mich, dass ich meine Bilder der Öffentlichkeit mal zeigen sollte.

„Leute, hört auf!“, antwortete ich ihnen immer. „Ihr sagt das doch nur, weil ihr meine Freund*innen seid.“ Aber sie insistierten einfach, dass ich eines Tages wirklich mal ausstellen sollte. (Und zwar auch solche, die selbst Kunst studierten – UND JETZT DENKT MAL DARÜBER NACH, WARUM DIE MEINUNGEN VON KUNSTSTUDENT*INNEN WICHTIG SIND.) Und das habe ich dann schließlich auch gemacht.

Der erste Schritt

© Nina Zdanovic

Eines Tages sah ich diesen Bewerbungsaufruf für Künstler*innen in einem Café in Tokyo, in dem Kunst ausgestellt wurde. Ich habe mich beworben, wurde angenommen und habe so an meiner ersten Gruppenausstellung teilgenommen. Das war recht aufregend und fühlte sich gleichzeitig unwirklich an! Ich konnte gar nicht glauben, dass mir das tatsächlich passierte. Ich bekam außerdem eine unglaubliche Unterstützung von allen Seiten, was ich als großen Vertrauensvorschuss wertete. Aber ich hatte in dem Moment noch immer nicht das Gefühl, dass ich professionell Kunst machen wollte.

Jetzt bin ich eine Künstlerin

Im Sommer darauf besuchte ich einen kurzen Kurs in der nihonga Malerei: eine jahrhundertealte, japanische Maltradition. Und im Herbst bekam ich auf Instagram plötzlich Anfragen von Leuten, ob ich meine Kunst verkaufen würde. Ich bekam sogar Anfragen für Auftragsarbeiten. Ich erinnere mich noch gut an das Gefühl, das ich dabei hatte: eine Mischung aus Skepsis und Aufregung. Noch immer konnte ich mir nicht eingestehen, dass ich eine Künstlerin sein wollte, obwohl ich längst in dieser Richtung unterwegs war.

© Nina Zdanovic – Japanische Pigmente

Im Dezember des Jahres bewarb ich mich um einen Teilzeitjob bei einer Galerie für zeitgenössische Kunst. Als sie mich fragten, was ich so mache und welche Hobbys ich habe, sagte ich ihnen, dass ich gerne malen würde. Sie fragten mich dann auch, ob ich eine Künstlerin werden wollte. Zum ersten Mal dachte ich tatsächlich darüber nach und antwortete einfach mit ja.

© Nina Zdanovic – Acryl

Jetzt denke ich, dass ich als autodidaktische Künstlerin noch so viel lernen muss. Natürlich geht es da vor allem auch um Techniken. Du machst deine Übungen, du malst weiter, du beschäftigst dich mit den Arbeiten anderer, du fragst Künstler*innenfreund*innen um Rat und du liest Ratgeberliteratur. Das ist es im Wesentlichen. Du brauchst eine Menge Übung und Geduld.

Es geht um mehr als ums Malen

Für mich ist der schwierigste Part am Künstlerinnendasein allerdings nicht der technische, sondern der Rest.

Wie bringe ich meine Kunstwerke an die Öffentlichkeit? Wie nehme ich Kontakt zu Galerien auf? Welche Preisstrategie verfolge ich?
Wollen die Leute meine Kunst wirklich sehen?
Sollte ich Kunst machen, die sich auch „gut verkauft“ oder sollte ich das malen, was ich malen möchte?
Ist Selbstmarketing auf Instagram wichtig??
Wie funktioniert das Netzwerken? Und mit wem soll ich überhaupt netzwerken?
Muss ich mich an Kunstmessen beteiligen und in Galerien ausstellen, wenn ich erfolgreich sein will? Ab wann bin ich überhaupt eine erfolgreiche Künstlerin?

Der wunde Punkt der Autodidakt*innen

Manchmal beherrschen diese Fragen wie zwanghaft mein Gehirn, kreisen und kreisen herum und nehmen mir den Spaß am kreativen Prozess. Und obwohl ich in der Tiefe meines Herzens genau weiß, dass ich deswegen Kunst mache, weil ich einfach Kunst machen will, schaltet sich mein Kopf manchmal dazwischen und rebelliert dagegen. Die „geschäftliche“ Seite des Ganzen finde ich manchmal ziemlich einschüchternd. Das geht vielleicht vielen Künstler*innen so, aber vielleicht trifft es die Autodidakt*innen eher, denn ihr wunder Punkt ist, dass ihr intuitives Wissen über die Kunstwelt nicht so ausgereift ist.

Aus schlechten Erfahrungen lernen

Neulich habe ich mich bei einer Sache sehr verschätzt, die eine Person mit einem besseren Verständnis von den Prozessen in der Kunstwelt vielleicht von vorneherein vermieden hätte.

Es ging darum, dass ich meine allererste Einzelausstellung vorbereitete. Das Café im Zentrum von Tokyo bot mir gratis eine Galeriewand für drei Tage an. Ich war total aus dem Häuschen vor Freude!

Kurz vor Beginn der Ausstellung bekam ich eine Email der Galerieleitung.

„Hey, wir müssen am dritten Tag übrigens schon um 15 Uhr schließen statt um 19 Uhr, wie wir vereinbart hatten. Wir haben eine Buchung für eine geschlossene Gesellschaft für den Abend reinbekommen.“
Ich habe mich ein wenig darüber geärgert, aber dachte dann, dass ein paar Stunden weniger am letzten Tag auch nicht so schlimm sein würden.

© Nina Zdanovic – Acryl

Schließlich kam der Tag der Ausstellungseröffnung. Die Vernissage war trotz des Monsunregens und der herablassenden Art des Galeriebetriebers an dem Tag wirklich schön und gemütlich. Es war immerhin meine erste Einzelausstellung!

Etwa um 15.30 Uhr am nächsten Tag bekam ich schon wieder eine Email aus dem Café.
„Hey, hör mal … Wir müssen heute schon um 17 Uhr schließen. Wir haben schon wieder eine geschlossene Gesellschaft.“
„Ja, tatsächlich?“
„Ja.“
“Ähm… okay.“

Ich erzählte meiner Künstlerfreundin davon. Sie schüttelte den Kopf und meinte, dass Kunststudent*innen in der Regel keine Gratis-Ausstellungsangebote annehmen, da viele der Betreiber*innen solcher Orte machen, was sie wollen, und sich auch so verhalten. In 90% aller Fälle gibt es dabei Ärger.
Was habe ich also gelernt: Keine Ausstellungen mehr in Cafés. Schon gar nicht, wenn es sich um Gratisangebote handelt.

Ich bin eine Künstlerin auf dem Weg

© Nina Zdanovic

Immer wenn ich solche kleinen Rückschläge habe, bin ich natürlich traurig. Mein ganzer Selbstzweifel kommt dann zurück. Vielleicht sollte ich einfach wieder mit all dem aufhören.
Aber dann stelle ich einfach die Playlist von RuPaul auf Spotify an, höre die Musik und mache weiter. Mir fällt dann wieder ein, warum ich überhaupt Kunst mache. Es ist absolute Liebe. Und der ganze Rest zählt nicht.

And if I fly, or if I fall,
Least I can say I gave it all
And if I fly, or if I fall
I’m on my way, I’m on my way

KONTAKT:

© Nina Zdanovic

https://ninazdanovic.com

https://instagram.com/allaboutninka

https://facebook.com/allaboutninka

Die Künstlerin Nina Zdanovic ist gebürtig aus Litauens Hauptstadt Vilnius und lebt seit 2016 in Japan. Sie spricht Englisch.

Übersetzung ins Deutsche: Seona Sommer

 

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Original English text:

On My Way by guest blogger NINA ZDANOVIC

It is exciting to decide to follow your passion. After trying many different things, making a lot of compromises, to finally realize what you really want to do at this point in life.
For me, such a passion was painting.

This I How It started

I was drawing and doodling for as long as I remember myself. I would sketch people, copy DIsney movie scenes, create comic strips, illustrate books for pleasure. I thought, when I was a kid, maybe I can become a Disney animator or something, but I have never considered becoming a painter until last year.

It was a chain of events that lead me to realization that I want to give it a shot at this. My friends started encouraging me to get my work shown.
‘Stop it, guys, you are just saying it because you’re my friends,’ I would constantly say.
But they (including the ones who graduated from art schools – ELABORATE WHY ART SCHOOL PEOPLE’S OPINIONS WERE IMPORTANT) kept on insisting that someday I should totally do an exhibition. And eventually I did.

The First Step

One day I stumbled upon this open call for artists in one gallery cafe space in Tokyo. I applied, they accepted my paintings, and that’s how I participated in my first group exhibition.  It was exciting and somehow unreal! I couldn’t believe that this is actually happening to me. And the amount of support I received was very confidence-boosting. Yet, it was not the point of me realizing I want to do art professionally.

I Am An Artist Now

The following summer, a took a short course on nihonga painting: a centuries old Japanese painting tradition. And in autumn, people started approaching me on Instagram asking if I would be interested in selling my works. Then they started asking if I am interested in commissioning them works. I remember the mixture of suspicion and excitement that I felt. I still wasn’t able to admit to myself that I wanted to be an artist, but I was slowly moving in that direction.

In December that year, I went for a part-time job interview to work in a comtemporary art gallery. They asked me what I was doing, if I have any hobbies. I said, I like to paint. The people at the interview asked me, if I wanted to become a painter. I gave it a thought. And for the first time, I said yes.

As a self-taught artist, I feel there are so many things I have to learn. The painting techniques, of course, is a huge part of it. You practice, you paint more, you study the works of other people, you ask more experienced artist-friends for advice, you read a book on how-to. This  is more or less sorted out. It takes practice and patience.

It’s About More Than Only Painting

But for me, the most overwhelming part of learning how to be an artist is not learning how to paint. It’s the rest.

How to get my work seen? How to approach galleries? How to price my art?
Is my art really worth for people to see?
Should I paint what is ‘sellable’ or should I paint what I like?
Is Instagram self-promotion important?
How to network and who to network with?
Do I need to participate in art fairs and exhibit my work in galleries to be a successful artist? What is a successful artist?

The Autodidacts‘ Soft Spot

Sometimes these obsessive thoughts take over my brain and just go in circles, sucking out the joy out of the creative process. And while my heart knows that the only reason to create art is because I want to create art, sometimes my head rebels against it and makes me want to stop. The ‘business’ side of it sometimes gets too overwhelming. I think it can be relatable to all artists out there, but maybe especially it hits the soft spot of self-taught artists, whose intuitive knowledge of the art world might be not as developed.

Learning From a Bad Experience

Recently, I had an episode of a bad judgement on my side, that a person with a better understanding of how things work could have avoided.

I was preparing or my first ever 3 day solo exhibition. The cafe, located in central Tokyo, provided me a gallery wall free of charge. I was over the moon about the exhibition as I was preparing to it.

Right before the exhibition started, the gallery owner emailed me.

‘Hey, listen, on Day 3 we need to close at 3PM, not 7, as we agreed earlier. Some people booked our place for the evening.’
I was a little annoyed, but figured, that a couple of hours on the last day won’t break the deal too much.

The opening of the exhibition day finally came. Despite the cafe owner acting in a very condescending manner and the monsoon rain, the opening party was a very cozy and warm event. It was my first solo exhibition after all!

At around 3:30 PM the next day I receive an email from the cafe owner.
‘Hey, listen… We need to close at 5 PM today. There’s another party happening today.’
‘Is it confirmed?’
‘Yes.’
“Uhm… okay.’

I told about this to my artist friend. She shook her head and said that people in art school generally avoid free spaces because owners act entitled and bitchy, and there’s 90% chance of them messing it up for you.
Main takeout: Never exhibit at cafes. Especially for free.

I Am An Artist On My Way

Whenever I have a minor setbacks like this, I feel sad, of course. All the self-doubt comes back to me. Maybe I shouldn’t be doing any of this, after all.
Then I simply turn on RuPaul’s playlist on Spotify, listen to it, and move on. It reminds me of why I create art in the first place. It comes from love. And rest doesn’t matter.

And if I fly, or if I fall,
Least I can say I gave it all
And if I fly, or if I fall
I’m on my way, I’m on my way

CONTACT:

https://ninazdanovic.com

https://instagram.com/allaboutninka

https://facebook.com/allaboutninka

The artist Nina Zdanovic was born in Vilnius, Lithuania, and has lived in Japan since 2016.

 

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