Bild: Projekt Lebensbaum (4)

# 101 | Lebensbaum – Ein SommerKunstProjekt (4)

Vierte & letzte Projektphase des Lebensbaum-Projektes

Das Projekt ist beendet. Unvollendet! Warum? Um zu verstehen, warum ich das Projekt beendet habe, muss ich euch zunächst erläutern, warum genau ich es eigentlich begonnen hatte und wie weit ich schon gekommen war.

Wer noch mal die Anfänge des Projektes nachvollziehen möchte, findet hier die ersten Beiträge zum Lebensbaum-Projekt:

Inhaltliches Ziele des Projektes

Mit diesem Projekt wollte ich die ersten 50 Jahre meines Lebens Revue passieren zu lassen. Ich wollte einfach alles noch mal durchgehen, mich an alles erinnern, die schönen genauso wie die nicht so schönen Momente. Ich wollte einfach noch mal sehen, wie vielfältig und reich mein Leben bisher eigentlich gewesen ist. Folgende Gedanken spielten dabei eine Rolle:

> Wie vielen Menschen begegnet man eigentlich im Laufe des Lebens?

Ich war neugierig, an wie viele persönliche Begegnungen ich mich bewusst und an wie viele dazugehörige Namen dann auch erinnern konnte. Denn nur diese Menschen sollten auch Teil meines Projektes werden. Man kann sich dann die Zahl angucken, die schiere Zahl, zunächst einfach nur neugierig, wie viele es wohl werden würden. Irgendwann als ich angefangen hatte, gab es schon eine Schätzung, die vielleicht irgendwo bei 2.000 für die ersten 50 Jahre liegt, vielleicht auch noch darüber.

> Die Gesichter hinter den Namen

Abgesehen von der Zahl steckt hinter jedem einzelnen Namen ja auch eine Geschichte und vor allem ein Gesicht. Und jede Geschichte, jedes Gesicht ist auch mit mir und meinem Leben verknüpft. Ich wollte das alles im Nachhinein alles noch mal würdigen. Selbst wenn einzelne Geschichten vielleicht nicht so schön waren oder einzelne Gesichter nicht die allerbesten Erinnerungen hervorrufen. Ich habe immer noch diesen humanistischen Gedanken, dass wir alle Menschen auf derselben Erde sind und jede*r eben, so wie sie oder er kann, im eigenen Umfeld, in eigener Prägung und auf eigene Art & Weise auch ihr bzw. sein Leben lebt und natürlich auch nicht immer alles richtig macht. Ich hatte den Wunsch, dass ich – so wie ich es in meiner Porträtkunst ja auch mache – dem einzelnen Menschen eine Art von Denkmal schaffe, indem ich mich einfach noch mal daran erinnere und den Namen erwähne.

> Die Metaphorik des Projektes

Mit diesem Projekt wollte ich aber auch der Vergänglichkeit des Lebens ihren Raum geben. Ich hatte vorgehabt, alle diese erinnerten Namen auf sehr dünnes, weißes Zellophan-Papier zu schreiben. Das Papier wiederum wollte ich in dünne Streifen schneiden, diese dann alle aneinander kleben oder heften, so dass am Ende diese hauchdünnen Papierstreifen aus einem sensiblen Material trotzdem ein ewig langes, aneinandergereihtes Band ergeben. Vielleicht hätte ich zusätzlich – darüber hatte ich noch nicht so genau nachgedacht – für die Namen noch eine – z.B. für Wasser – sehr anfällige Form von Tinte gewählt. Auf jeden Fall sollte durch die Wahl des Materials ein Bezug zur Vergänglichkeit des Lebens entstehen. Ich wollte mir damit in Bewusstsein rufen, dass die Bande letztendlich zart sind, dass Menschen auch kommen und wieder gehen können. Dass manche vielleicht schon vor ganz langer Zeit nur sehr kurz in meinem Leben waren. Dass andere vielleicht erst kürzlich hinzugetreten sind und ich vielleicht noch gar nicht weiß, welche Bedeutung sie für mein Leben haben werden.

Die unvollendete Skulptur

Aber nun ist alles anders und das Projekt ist vorbei. Ich hatte es begonnen, ich werde es nicht weiterführen. Und das hat ganz viel genau damit zu tun, dass ich mir eben über dieses Projekt sehr viele Gedanken gemacht habe. Plötzlich sind diese Gedanken in eine ganz andere Richtung gelaufen, in eine neue Richtung, die mich ebenso angesprochen hat.

Leben im Hier & Jetzt

Mir wurde plötzlich bewusst, dass ich erstens im Hier & Jetzt lebe und zweitens in die Zukunft schauen möchte und nicht mehr so viel in die Vergangenheit. Denn die Menschen, die mir wichtig sind & waren, die werden sowieso in meiner Erinnerung bleiben. Womöglich habe ich auch nach wie vor noch Kontakt zu ihnen. Menschen, die für mich eine wichtige und auch positive Rolle gespielt haben, sind ein Teil von mir und alles andere ist nicht mehr so wichtig.

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es vielen Menschen so geht, wenn sie in die Lebensmitte kommen, dass sie sich sehr viel Gedanken über die Vergangenheit machen, dabei aber auch feststellen, dass die Vergangenheit eben genau das ist: vergangen. Die Gegenwart bekommt eine viel stärkere Bedeutung. Und die Zukunft auch.

Auch ich habe mir, als ich 49 wurde, fast schon automatisch so meine Gedanken gemacht. Ich WOLLTE das Lebensbaum-Projekt verwirklichen, WEIL ich den Fünfzigsten am Horizont sah und noch einmal auf mein Leben zurückblickte. Inzwischen bin ich 50 Jahre alt und stelle fest: Die Gegenwart ist grundsätzlich das, was mein Leben ausmacht. Auch die Zukunft spielt noch eine wichtige Rolle, wenn ich mir ein paar Ziele setze, die ich in der Gegenwart bereits anstreben möchte.

Auf in die Zukunft!

Die Vergangheit ist etwas, was auf eine gewisse Art & Weise sicher spannend ist, kostet mich aber eigentlich nur Zeit, kostbare Zeit, die ich doch jetzt lieber in meine Gegenwart und in meine Zukuft investieren möchte. Ich habe noch so viele Ideen für mein Leben & meine Kunst, und ich brauche die Gegenwart dafür, mich um diese Ideen zu kümmern.

Auch wenn die Skulptur nun nicht vollendet wird: Ich habe gefühlt den Prozess, den ich mit diesem Projekt unterstützen wollte, sehr wohl vollendet. So kann’s eben auch mal kommen! Kunst hat sehr viel auch mit inneren Prozessen zu tun.

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2 Kommentare

  1. Liebe Seona. Deine Gedanken gefallen mir. Auch ich habe vor Jahren begriffen, wie wichtig es ist sich auf das Leben heute und jetzt zu konzentrieren. Die Vergangenheit können wir nicht ändern, aus Fehlern haben wir gelernt. Aber von dem wie wir heute leben, hängt die Zukunft ab. Nicht nur unsere, sondern auch der Kinder und Enkel. Also schauen wir nach vorne und geben unser bestes.

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